Studie zu häuslicher Gewalt in queeren Nahbeziehungen

Type of project: Research

client/donor: Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung (LADS) Berlin

Project team: Dr. Sarah Riese, Moritz Konradi, Frieder Decker, Furkan Özdemir

Duration: 5/1/2025 – 12/31/2025

Publications

Gewalt in queeren Beziehungen

Eine Studie zu Erfahrungen mit Partnerschaftsgewalt unter LSBTIQ+ in Berlin Research report 2026, Berlin

Gewalt in queeren Beziehungen erfährt bisher wenig Aufmerksamkeit. Im öffentlichen Diskurs wird Partnerschaftsgewalt zumeist eher mit heterosexuellen Beziehungen und einer klaren, vergeschlechtlichten Rollenverteilung assoziiert. Das kann zu einer Tabuisierung von Gewalt in queeren Beziehungen führen, die dann seltener erkannt und benannt wird. Bisher gibt es wenig Forschung zu diesem Themenfeld, und auch Hilfs- und Unterstützungsangebote für Betroffene gibt es bisher kaum.

Die vorliegende Studie leistet einen Beitrag dazu, die Wissens- und Erkenntnislücke zu den Erfahrungen von LSBTIQ+ in Berlin mit Partnerschaftsgewalt zu schließen. Sie erhebt explorativ und analysiert Informationen zu Gewalt in queeren Beziehungen, dokumentiert die Bedarfe Betroffener und von Hilfeeinrichtungen und leitet Empfehlungen für Maßnahmen zur Prävention und zur Unterstützung Betroffener ab. Der Fokus liegt auf Gewalt in Partnerschaften. Hierbei werden unterschiedliche Formen von Gewalt betrachtet – etwa psychische, verbale, körperliche oder sexualisierte Gewalt sowie Stalking. Zudem wird diskutiert, inwiefern Erfahrungen mit Queerfeindlichkeit und anderen Formen von Diskriminierung einen relevanten Kontext für Beziehungsgewalt darstellen.

Vorgehen der Studie

Das Vorgehen der Studie war darauf ausgelegt, unterschiedliche Perspektiven und verschiedene methodische Zugänge zusammenzubringen, um ein möglichst umfassendes und facettenreiches Bild zu Gewalt in queeren Beziehungen zu erhalten. Im Vordergrund standen dabei Erhebungen mit Betroffenen und Fachkräften, die ihre persönlichen und professionellen Erfahrungen und Einschätzungen zu Gewalt in Beziehungen, zum Hilfesystem mitsamt seinen Lücken sowie zu Bedarfen bezüglich Schutz- und Präventionsmaßnahmen befragt wurden. Konkret wurden (1) Erkenntnisse aus der Fachliteratur zu Prävalenz und Risikofaktoren ausgewertet; (2) die Daten des EU LGBTI Survey III in Hinblick auf häusliche Gewalt analysiert; (3) eine standardisierte Online Befragung von LSBTIQ+ Personen in Berlin zu Erfahrungen mit Gewalt in Beziehungen umgesetzt, die zwischen September und November 2025 beworben und von 435 Personen ausgefüllt wurde; sowie (4) leitfadengestützte Interviews mit zwölf Fachkräften und sieben Betroffenen Personen geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Im Abschlussbericht wurden die Ergebnisse der Erhebungen in Hinblick auf Erleben, Formen und Dynamiken von Gewalt, relevante Kontext- und Risikofaktoren, die Folgen von und den Umgang mit Gewalt sowie auf die Erfahrungen Betroffener im Berliner Hilfesystem ausgewertet und verknüpft. 

Ergebnisse

Gewalt in queeren Beziehungen gehört zur Lebensrealität vieler LSBTIQ+ Personen und wird auf vielschichtige Weise zum Thema für die Communitys sowie das Hilfesystem in Berlin. Etwas mehr als ein Drittel (36,2 %) der befragten LSBTIQ+ erlebten bereits Gewalt in einer Beziehung. Die Betroffenheit differiert dabei nach Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung: TIN* und weiblich gelesene Personen sind häufiger, cis-männliche und schwule Personen sind weniger häufig betroffen. Besonders oft erlebten betroffene Berliner LSBTIQ+ in ihren Beziehungen psychische und emotionale Gewalt (76,3 %), auch körperliche Gewalt (44,6 %) und soziale Kontrolle (36,7 %) waren häufig. Beziehungsgewalt kam zumeist in monogamen Zweierbeziehungen (69,8 %), jedoch auch in offenen oder polyamoren (28,1 %) sowie kurzfristigen und lockeren Beziehungen (23,7 %) vor. In den individuellen Berichten spielten meist langfristige Dynamiken eine Rolle, innerhalb derer Vertrauen und Abhängigkeit, Geborgenheit und Zwang, Solidarität und Gewalt auf komplexe Weise ineinandergreifen. Etwa jede achte befragte Person gab zudem an, bereits auch selbst Gewalt gegen eine Beziehungsperson ausgeübt zu haben.

Aus den mit Fachkräften und Betroffenen geführten Interviews ließen sich eine Reihe von Kontext- und Risikofaktoren rekonstruieren, die das Auftreten von Beziehungsgewalt bedingen oder begleiten können. Dabei können Erfahrungen mit Queer- sowie Transfeindlichkeit in Form konkreter Übergriffe sowie Minderheitenstress eine Rolle spielen, die queere Personen und ihre Beziehungen belasten. Auch rassistische, ableistische und klassistische Diskriminierungen waren begleitende Faktoren. Darüber hinaus wurden Vorerfahrungen mit Gewalt, beispielsweise mit Missbrauch in der Kindheit, mangelnde Unterstützung durch die Herkunftsfamilie sowie eine prekäre finanzielle Lage und ökonomische Abhängigkeiten genannt. Solche Umstände können dazu führen, dass Betroffene sich schlechter von gewaltausübenden Partner*innen abgrenzen können und über weniger Handlungsoptionen verfügen, um sich selbst zu schützen. 

Gewalt in Beziehungen kann zermürbend und herabsetzend sein und Betroffene in ihrem Selbstwertgefühl erschüttern. Entsprechend berichteten viele Betroffene, dass die erlebte Gewalt für sie weitreichende Folgen hatte. Besonders häufig berichteten die Befragten von negativen psychischen Folgen (64,5 %), jedoch auch von gesundheitlichen (15,5 %) oder von finanziellen (12,8 %) Folgeschäden. 70,2 % der Betroffenen trennten sich von den gewaltausübenden Partner*innen. 31,2 % holten sich Hilfe von Freund*innen oder in den queeren Communitys. Netzwerke von Freund*innen und in den Communitys sind zentrale Ressourcen im Umgang mit Beziehungsgewalt, etwa indem sie zuhören, Beobachtungen spiegeln und Einschätzungen teilen, beraten oder konkrete Hilfestellungen wie Schlafplätze organisieren. 

Gewalt in Beziehungen ist häufig eine „stille Gewalt“, deren Folgeschäden gesellschaftlich noch nicht ausreichend thematisiert werden. Für queere Personen können Scham und Loyalitätskonflikte dazu beitragen, dass Erfahrungen verschwiegen oder versteckt werden – auch in der Absicht, die queeren Communitys vor Kritik und weiterer Stigmatisierung zu schützen. Beziehungsgewalt wird teilweise bagatellisiert, um gewaltausübende Partner*innen, die mitunter selbst unter Ausgrenzung und Gewalterfahrungen leiden, nicht zu belasten. Der unmittelbare Umgang mit der Gewalt ist häufig von Unsicherheit, Aushalten und der Suche nach Unterstützung im nahen sozialen Umfeld geprägt, während formelle Hilfen und insbesondere die Polizei nur von einem kleineren Teil der Betroffenen in Anspruch genommen wurden. 

Berlin verfügt über ein gut ausgebautes und ausdifferenziertes Hilfesystem für Betroffene von häuslicher Gewalt und Gewalt in Beziehungen, zu dem neben den Einrichtungen der Regelsysteme auch spezialisierte Beratungsstellen sowie Frauenhäuser, Zufluchts- und Schutzwohnungen gehören. Die Gestaltung der Angebote richtet sich überwiegend nach den Bedarfen cis weiblicher Personen und ihrer Kinder, die Gewalt in heterosexuellen Beziehungen erleben. Für queere Personen bestehen besondere Hürden im Zugang zu den Leistungen des Hilfesystems. Mangelnde Diversität sowie die exklusive Ausrichtung auf cis Frauen kann dazu führen, dass Betroffene keinen Kontakt aufnehmen. Fehlende Erfahrung und Praxis im Umgang mit queeren Personen kann zu Verunsicherungen beim Personal sowie bei Hilfesuchenden führen. Einige Hilfseinrichtungen befinden sich in einem Prozess der Öffnung für trans* weibliche Personen und andere queere Personengruppen. Seit 2020 gibt es eine queere Schutzwohnung, die inzwischen über 15 Plätze für LSBTIQ+ aus Gewaltbeziehungen und in akuten Krisensituationen verfügt. Die Einrichtung wird von Fachkräften sehr positiv wahrgenommen, viele gehen davon aus, dass es Bedarf für weitere Schutzplätze gibt. 

Insbesondere Personen, die in prekären Verhältnissen leben und über geringe finanzielle und soziale Ressourcen verfügen, profitieren von den Angeboten des Hilfesystems. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Berlin trägt dazu bei, dass Betroffene auf Schutzräume angewiesen sind und setzt die Hilfeeinrichtungen zusätzlich unter Druck. In den Interviews werden Bedarfe mit Blick auf die fortgesetzte Qualifizierung und Sensibilisierung des Hilfesystems sowie den Ausbau queerspezifischer Angebote zur Unterstützung bei Gewalt in Beziehungen beschrieben. Mit den Vorkehrungen des Gewalthilfegesetzes verbinden sich sowohl Hoffnungen auf einen Ausbau des Hilfesystems als auch Sorgen hinsichtlich neuer Ausschlüsse für LSBTIQ+ Personen. 

Vor dem Hintergrund dieser Befunde können die folgenden Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Berliner Hilfesystems abgeleitet werden: Die begonnene Öffnung und Qualifizierung von Einrichtungen des Hilfesystems wie Frauenhäusern und Opferberatungsstellen sollte fortgesetzt werden; Queere Anti-Gewalt-Projekte sollten weiter zum Umgang mit Gewalt in queeren Beziehungen qualifiziert werden und benötigen zusätzliche Ressourcen, um entsprechende Angebote auszubauen; eine verstärkte und gezielte Öffentlichkeitsarbeit zum Thema kann dabei helfen, die Öffentlichkeit sowie die queeren Communitys zu sensibilisieren und Betroffene an Unterstützungsangebote heranzuführen; Angebote und Formate zur Prävention von Beziehungsgewalt sollten fortgesetzt und weiterentwickelt werden; Beratungsangebote für gewaltausübende Personen sollten gestärkt und ausgeweitet werden; Zusammenarbeit und kollegiale Beratung zwischen Fachkräften des Hilfesystems und der queeren Anti-Gewalt-Arbeit kann zum Kompetenzerwerb beitragen; die Förderung weiterer Forschung und Praxisbegleitung kann helfen, präventive sowie Beratungsangebote weiter zu verbessern; und der bundesweite Austausch sollte fortgesetzt und intensiviert werden, sodass Erfahrungen in unterschiedlichen Bundesländern geteilt und von den Erkenntnissen profitiert werden kann. 

 

 

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Die Studie wird gefördert durch die Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung in der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung