Studie zur Erfahrungen geflüchteter LSBTIQ+ mit Queerfeindlichkeit

Projektformat: Forschung

Auftraggeber/Fördergeber: Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung (LADS) Berlin

Projektdurchführende: Dr. Sarah Riese, Moritz Konradi

Laufzeit: 01.07.2026 – 31.07.2026

Im Rahmen internationaler Fluchtbewegungen suchen auch lesbische, schwule, bi+, trans- und intergeschlechtliche sowie queere (LSBTIQ+) Geflüchtete in Deutschland und in Berlin Schutz vor Krieg, Vertreibung, Gewalt und Verfolgung. Unabhängig von den konkreten Anlässen ihrer Flucht sehen sich queere Geflüchtete in ihren Herkunftsländern und auf der Fluchtroute queerfeindlich motivierten Übergriffen, Ausgrenzung und Verfolgung ausgesetzt. 

Queerfeindlichkeit ist in Deutschland und der EU als Asylgrund anerkannt. LSBTIQ+ Geflüchtete gelten als besonders schutzbedürftig, da ihnen in ihren Herkunftsländern oft Diskriminierung, Strafverfolgung oder Lebensgefahr droht. Die Gewährung von Schutz hängt jedoch von der individuellen Beweisführung im aufenthaltsrechtlichen Verfahren ab; hier werden an queere Geflüchtete hohe Anforderungen gestellt, die dazu führen, dass viele von ihnen keinen Schutzstatus bekommen[1]

Für queere Geflüchtete stellt sich ihre Flucht mitunter nicht als lineare Fortschrittsbewegung aus einem unterdrückerischen Herkunfts- in einen liberalen Aufnahmestaat dar[2]. Denn auch in der Aufnahmegesellschaft, in Berlin wie anderswo in Deutschland und Europa, machen queere Geflüchtete z.B. im Kontakt mit der Polizei, den Migrationsbehörden und den Einrichtungen des Aufnahmesystems wie Unterkünften Erfahrungen, die mit dem Infragestellen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität und mit vielfältigen Retraumatisierungen einhergehen können[3]. Zudem können sie queerfeindliche Anfeindungen erleben, die auch in Berlin alle Teile der queeren Communitys betreffen, oder von Rassismus, Misogynie und anderen Formen von Diskriminierung und Gewalt betroffen sein, die sich intersektional verschränken. 

Berlin hatte als erstes Bundesland bereits 2015 die besondere Schutzbedürftigkeit von LSBTIQ+ Geflüchteten anerkannt und das „Berliner Modell für die Unterstützung von LSBTI-Geflüchteten“ entwickelt. Dieses umfasst Angebote zur sicheren Unterbringung, zur schnellen Erstregistrierung und zum Gewaltschutz, stärkt die bestehenden Hilfestrukturen und schafft spezifische Beratungsangebote und setzt auf Empowerment und verbesserte Information. 

Die Studie soll systematische und vertiefende Einblicke in die Erfahrungen geflüchteter LSBTIQ+ mit Queerfeindlichkeit und angrenzenden Formen von Gewalt und Diskriminierung in Berlin geben. Zudem soll sie Strukturen und Praxis der Unterstützung queerer Geflüchteter aus Sicht von Betroffenen und Fachkräften in Hinblick auf die aktuellen Bedarfslagen sowie möglicherweise bestehende Lücken und Weiterentwicklungspotenziale analysieren und vor diesem Hintergrund akteursbezogene Empfehlungen ableiten.

Die Studie nutzt ein multimethodisches und mehrperspektivisches Design, das qualitative und quantitative Methoden einsetzt und die Perspektiven von LSBTIQ+ mit Fluchtgeschichte, Fachkräften aus der Flüchtlingshilfe und der Verwaltung einbezieht. Dabei werden Literatur- und Dokumentenanalysen, die Auswertung verfügbarer amtlicher und Trägerdaten, leitfadengestützte Einzel- und Gruppeninterviews mit geflüchteten LSBTIQ+ sowie Interviews mit Fachkräften aus Flüchtlingshilfe, Verwaltung und queeren Fachstellen kombiniert. Ergänzend wird eine standardisierte, mehrsprachige Online-Befragung geflüchteter LSBTIQ+ in Berlin umgesetzt, um Aussagen zur Verbreitung von queerfeindlicher Gewalt und Diskriminierung zu ermöglichen. Die Ergebnisse werden zusammengeführt und in Form akteursbezogener Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Schutz- und Unterstützungsstrukturen aufbereitet. Zentrale Fragestellungen der Studie beziehen sich neben den persönlichen Erfahrungen auch auf die institutionellen Rahmenbedingungen für LSBTIQ+ Geflüchtete und ihre praktische Umsetzung. 


[1] Katharina Schoenes, Umkämpfte Anerkennung. Sexuelle Orientierung als Asylgrund, in: Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/queer-2025/562123/umkaempfte-anerkennung/.

[2] Agathe Menetier, LGBT*-Geflüchtete, in: Tabea Scharrer, Birgit Glorius, J. Olaf Kleist und Marcel Berlinghoff (Hg.): Flucht- und Migrationsforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium, Baden-Baden 2023, 453-460. 

[3] Alva Träbert und Patrick Dörr, LSBTI*-Geflüchtete und Gewaltschutz. Implikationen für die Unterbringung, Zuweisung und Beratung, in: Asylmagazin 10 – 11 / 2019, 344-351.