Erstellung einer wissenschaftlichen Studie zur Untersuchung des Ausmaßes von Zwangsverheiratungen in Berlin sowie von Verhinderungsmöglichkeiten (Präventionsmaßnahmen)

Projektformat: Forschung

Auftraggeber/Fördergeber: Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Abteilung Frauen und Gleichstellung

Projektdurchführende: Sabine Behn, Dr. Sarah Riese, Lea Kehr

Laufzeit: 01.07.2025 – 31.03.2026

Publikationen

Projektbeschreibung

Die Studie zur Untersuchung des Ausmaßes von Zwangsverheiratung in Berlin sowie von Verhinderungsmöglichkeiten hatte das Ziel, das Ausmaß von Zwangsverheiratungen in Berlin mittels quantitativer und qualitativer Analysen zu erfassen und zu beschreiben und Präventionsmaßnahmen zu identifizieren und zu bewerten. Auf dieser Basis wurden sowie Empfehlungen zur Optimierung der bestehender Präventions- und Interventionsangebote erarbeitet. Die Studie wurde in Kooperation mit dem Verein Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance e.V. erarbeitet, der sich gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit einsetzt. 

Grundlage der Studie ist ein mehrperspektivisches und multimethodisches Forschungsdesign. Es wurden zum einen unterschiedliche Perspektiven einbezogen, nämlich Fachkräfte aus der Beratung, der Jugend- und Sozialarbeit, der Schule, der Arbeit im Feld von Migration und Flucht und weiteren Bereichen sowie von Verwaltung und Polizei, aber auch von Zwangsverheiratung Betroffene. Zum anderen wurde ein qualitativ-quantitatives Studiendesign mit unterschiedlichen Erhebungsbausteinen und Methoden entwickelt und umgesetzt. Im Einzelnen gehörten dazu folgende Bausteine:

- Literatur- und Dokumentenanalyse, Aufarbeitung der Forschungsstandes sowie Auswertung statistischer Daten.

- Vier Fokusgruppendiskussionen, 15 Interviews und ein Gruppeninterview mit unterschiedlichen Akteuren aus dem Feld sowie drei Interviews mit von Zwangsverheiratung Betroffenen.

- Standardisierte Einrichtungsbefragung zu Ausmaß und Formen von Zwangsverheiratung in Berlin sowie zu Bedarfen und Lücken in Bezug auf Präventionsmaßnahmen: Hier wurden insgesamt 931 Einrichtungen und Institutionen in Berlin angeschrieben, die mit Zwangsverheiratung konfrontiert sein können; der Rücklauf betrug 160 Fragebögen. Aufgrund des sehr geringen Rücklaufs und weiterer methodischer Probleme sind die Fallzahlen der Einrichtungsbefragung nur sehr begrenzt aussagefähig und nicht mit den Ergebnissen der früheren Erhebungen für Berlin vergleichbar.

- Standardisierte Online-Befragung der weiterführenden Schulen zu der Frage, ob und in welcher Form das Thema Zwangsverheiratungen im schulischen Kontext eine Rolle spielt und welche Informations- und Unterstützungsbedarfe an Schulen bestehen: Hier wurden 328 Schulen angeschrieben, von denen 52 Schulen den Fragebogen ausfüllten. 

- Ein Fachdialog mit Betroffenen und ein Werkstattgespräch zur Vorstellung, Diskussion und Validierung der Ergebnisse.

Zwangsverheiratung in Berlin ist zwar statistisch nur begrenzt sichtbar, stellt in der Praxis jedoch ein relevantes, vielschichtiges und kontinuierlich vorhandenes Problem dar. Die Gruppe der (potenziell) von Zwangsverheiratung Betroffenen ist vielschichtig: Obwohl Zwangsverheiratung ein breites Spektrum an Personen betreffen kann, sind nach den Erhebungen vor allem Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund im Alter von etwa 14 bis 21 Jahren betroffen. Bei den Herkunftsländern Betroffener werden im Rahmen der Einrichtungsbefragung an erster Stelle Afghanistan, Syrien und die Türkei genannt, die große Bandbreite der Herkunftsländer zeigt aber, dass Zwangsverheiratung nicht nur einzelne Gruppen oder Communitys betrifft, sondern in breiten Teilen der Stadtgesellschaft vorkommen kann. Neben formellen Ehen spielen informelle, also religiös oder traditionell geschlossene Ehen eine wichtige Rolle.

Zwangsverheiratung ist oft nur Bestandteil und Zuspitzung eines größeren Gewalt- und Kontrollkontexts, häufig spielen weitere Problemlagen wie körperliche Gewalt in der Familie oder dauerhafte Konflikte mit den Eltern eine Rolle. Häufig erfolgt Zwangsverheiratung im Kontext familiärer Strukturen, die stark von traditionellen Normen und Ehrvorstellungen geprägt sind. Patriarchale Gesellschaftsstrukturen spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie klare Geschlechterhierarchien und Erwartungen an das Verhalten von Frauen und Männern vorgeben. In solchen Kontexten wird die individuelle Entscheidungsfreiheit zugunsten kollektiver Interessen eingeschränkt und werden Ehre, Tradition, Loyalität und familiärer Ruf über die Selbstbestimmung der Betroffenen gestellt. Besonders gefährdet sind Personen, die sich elterlicher Kontrolle entziehen (wollen), eigene Partnerwünsche äußern oder geschlechtlichen und sexuellen Normen nicht entsprechen. Insbesondere Frauen und Mädchen sind häufig betroffen, da ihre Sexualität und Lebensführung stärker kontrolliert werden. Gleichzeitig ist darauf hinzuweisen, dass auch Jungen/Männer Opfer von Zwangsverheiratung sein können, wenngleich dies seltener thematisiert wird. Weitere Risikofaktoren liegen in einem unsicheren Aufenthaltsstatus, fehlenden Bildungsperspektiven, Behinderung, mangelnden außerfamiliären Netzwerken sowie fehlenden Zugängen zu Informationen. 

Gleichzeitig werden auch protektive Faktoren benannt. Dazu gehören gesellschaftliche Teilhabe, sichere Aufenthaltsperspektiven, Bildungschancen, alternative Lebensperspektiven sowie verlässliche soziale Netzwerke. Besonders bedeutsam ist Schule als Ort, an dem Betroffene Kontakte außerhalb der Familie aufbauen und im besten Fall Unterstützung finden können. Geschützte Räume, etwa im Rahmen von Schule oder von Mädchenarbeit, können helfen, sich zeitweise der Kontrolle zu entziehen.

Angst, Loyalitätskonflikte und mangelndes Vertrauen sind die wichtigsten Barrieren beim Zugang zum Hilfesystem. Viele Betroffene fürchten nicht nur Gewalt, sondern auch Isolation, Einsamkeit und den Verlust ihrer Familie und Community. Hilfe zu suchen wird deshalb oft als Verrat empfunden. Hinzu kommt ein Misstrauen gegenüber Behörden wie Jugendamt oder Polizei, insbesondere wenn Betroffene befürchten, dass Informationen an die Familie weitergegeben werden könnten. 

Auch fehlendes Wissen über Rechte und Hilfestrukturen erschwert den Zugang. Wichtig für den Zugang zu Hilfe sind insofern sensibilisierte Vertrauenspersonen insbesondere im schulischen Kontext und niedrigschwellige Beratungs- und Informationsangebote. Betroffene, die über ihre Erfahrungen sprechen, können dabei eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.

Berlin verfügt über eine breit ausgebaute und differenzierte Präventions- und Unterstützungs-landschaft im Bereich Zwangsverheiratung. Die Herausforderungen bei der Intervention in Fällen von Zwangsverheiratung liegen weniger im Fehlen von Strukturen oder Handlungsleitfäden als vielmehr in deren praktischer Umsetzung. So werden Defizite benannt wie mangelnde Ressourcen, unklare Zuständigkeiten, Personalfluktuation und zum Teil problematische Einschätzungen von Gefährdungslagen. Weiterhin werden von einer Vielzahl von Akteuren Schwierigkeiten in Bezug auf Auskunftssperren benannt. 

Die Handlungsempfehlungen und Vorschläge beziehen sich vorrangig auf die Weiterentwicklung, Verstetigung und bessere Verzahnung bestehender Angebote in den unterschiedlichen relevanten Bereichen.

- Schule nimmt eine herausgehobene Rolle ein, wenn es um breit angelegte Prävention geht. Hervorzuheben ist die Notwendigkeit von Sensibilisierung und Fortbildung von Lehrkräften und Schulsozialarbeiter*innen, um sie in die Lage zu versetzen, angemessen zu reagieren. Ebenso wichtig sind umfassende Bildungsangebote ab der Grundschule, die den Schüler*innen ihre Rechte vermitteln und zur Stärkung von Selbstbestimmung und Gleichberechtigung beitragen.

- Kinder-, Jugend- und Mädchenarbeit sowie sozialraumorientierte und aufsuchende Arbeit sollte gestärkt und ausgebaut werden, um Betroffene auch außerhalb der Schule zu erreichen und informieren zu können. 

- Im Sinne von Peer-Ansätzen sollten Betroffene stärker in die Präventionsarbeit einbezogen werden, da sie eine wichtige Brückenfunktion übernehmen können.

- Öffentlichkeitsarbeit sollte breit und umfassend angelegt sein, beispielsweise über mehr-sprachige und kultursensible Informationsmaterialien sowie digitale Angebote über Social Media.

- Fortbildungen für Frontline Professionals sind ein wichtiger Ansatz, um diese Gruppen besser zu qualifizieren, Gefährdungen, Anzeichen und Schutzbedarfe im Kontext von Zwangsverheiratung wahrzunehmen. Wichtig ist hierbei ein opferzentrierter, rassismuskritischer und kultursensibler Ansatz, der Gewalt im Namen der Ehre nicht relativiert.

- Verstärkte Elternarbeit, um Reflexionsprozesse über soziale Normen, Ehrvorstellungen und Geschlechterrollen anzustoßen, ist ein weiterer Ansatzpunkt der Prävention. 

- Sicherstellung von geschützter Unterbringung ist eine weitere zentrale Forderung der Akteure im Bereich Zwangsverheiratung. Wichtig ist hier ein Ausbau der Schutzangebote und -plätze für Mädchen und Frauen im Allgemeinen und für besondere Zielgruppen wie z.B. Paare.

- Darüber hinaus spielen niedrigschwellige und sichtbare Beratungsangebote eine wichtige Rolle.