Gutachten zu Bedarfen im Bereich der interkulturellen Altenpflege auf Basis einer empirischen Untersuchung

Projektformat: Evaluation/Wissenschaftliche Begleitung

Auftraggeber/Fördergeber: Beauftragte für Integration und Migration des Senats von Berlin

Projektdurchführende: Victoria Schwenzer

Laufzeit: 01.01.2013 – 31.12.2013

Publikationen

Interkulturelle Altenhilfe in Berlin

Empfehlungen für eine kultursensible Pflege älterer Migrantinnen und Migranten. Erstellt im Auftrag der Berliner Beauftragten für Integration und Migration. Gutachten 2014, Berlin

Gutachten zu Bedarfen im Bereich der interkulturellen Altenpflege auf Basis einer empirischen Untersuchung, 
im Auftrag der Beauftragten für Integration und Migration des Senats von Berlin (2013)
 

Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH hat im Auftrag der Berliner Integrationsbeauftragten Ende 2013/Anfang 2014 ein Gutachten zu Bedarfen im Bereich der interkulturellen Altenpflege erarbeitet.
Das Gutachten ermittelt aus der Perspektive von älteren Migrant/innen der ersten Einwanderergeneration und ihren pflegenden Angehörigen sowie Migrantenselbstorganisationen die Bedarfe und Ressourcen im Bereich der Altenpflege sowie die Probleme und die Barrieren des Zugangs zu den Angeboten und Institutionen der Altenpflege. Es ist auf der Basis von qualitativen Interviews erarbeitet worden. Zudem wurden Handlungsempfehlungen für die interkulturelle Altenpflege entwickelt, die mit Expert/innen aus Migrantenselbstorganisationen und Vertreter/innen von interkulturellen Angeboten erörtert und abgestimmt wurden.
Das Gutachten ist von Dorte Schaffranke und Victoria Schwenzer unter Mitarbeit von Halil Can, Luzie Heidemann und Verena Mörath erarbeitet worden. Es ist unter dem Titel „Interkulturelle Altenhilfe in Berlin. Empfehlungen für eine kultursensible Pflege älter Migrantinnen und Migranten“ bei der Beauftragten für Integration und Migration erschienen. 

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick. 

Auf welche Ressourcen greifen Migrant/innen zurück? 

Die Familie ist die zentrale Ressource bei der Bewältigung von Pflegebedürftigkeit. Das heißt, es sind häufig die Ehepartner, Töchter und auch die Söhne, die die Pflege mit großem Engagement leisten, nicht selten auch unter Einschränkung der eigenen Berufstätigkeit. Darüber hinaus mobilisieren die Familien auch nachbarschaftliche Netzwerke und transnationale Ressourcen und entwickeln transnationale Pflegemodelle, bei denen die Netzwerke nicht nur in Deutschland, sondern auch im Herkunftsland in die Pflege eingebunden werden.
In den Communities und Migrantenselbstorganisationen gibt es Vorreiterinnen und Visionärinnen, die innovative Ideen entwickeln und zum Teil auch umsetzen, wie z.B. die Gründung des interkulturellen Hospizdienstes. 

Was wünschen sich die Betroffenen und welche Bedarfe formulieren die Expert/innen? 

Der Kenntnisstand zum Versorgungssystem ist eher gering. Pflegebedürftige wissen teils nicht über ihre Ansprüche bescheid oder haben Schwierigkeiten, diese gegenüber der Pflegekasse durchzusetzen, teils auch wegen sprachlicher und bürokratischer Barrieren. Expert/innen stellen zudem einen Bedarf an diversitätsbewusster Öffentlichkeitsarbeit von Beratungs- und Informationsangeboten fest. Ein guter Weg, den Kenntnisstand zu verbessern, ist die Schulung von Multiplikator/innen aus den Communities.
Pflegende Angehörige wünschen sich mehr Unterstützung in psychosozialer und pflegerischer Hinsicht. Zudem sollten auch Selbsthilfepotentiale pflegender Angehöriger gefördert werden, um Isolation zu überwinden, in Austausch zu treten und sich gegenseitig zu unterstützen.
Grundsätzlich werden kultursensible Pflegeangebote gewünscht, bei denen der individuellen biografischen Situation der Pflegebedürftigen Rechnung getragen wird, wie z.B. Essgewohnheiten, Hygienevorstellungen, religiöse Besonderheiten und Medienkonsum. Außerdem werden gemeinschaftsorientierte Wohnmodelle gewünscht, die Alternativen zu stationären Angeboten bieten.
Es besteht ein starker Wunsch nach muttersprachlichen ambulanten Pflegeangeboten, um die häusliche Pflege durch die Familie zu unterstützen. Hier gibt es Anzeichen dafür, dass es eine wachsende Anzahl an muttersprachlichen ambulanten Dienstleistern für verschiedene Migrantengruppen gibt.
Die Rolle der Migrantenselbstorganisationen als Akteure im Themenfeld sollte gestärkt werden. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bemängeln, dass die Migrantenselbstorganisationen das Thema Altenpflege noch zu wenig auf ihrer Agenda haben. Allerdings fehlen den Migrantenselbstorganisationen die Ressourcen dafür. Bisher spielen sie eine Rolle als Kooperationspartner, z.B. von Beratungsinstitutionen wie den Pflegestützpunkten. Sie sollten zukünftig selbst auch verstärkt Träger von Projekten werden. Weiterhin sollten Migrantenselbstorganisationen stärker als bisher in den Fachdialog zwischen Behörden, Pflegeangeboten, Wohnungsunternehmen etc. eingebunden werden.